Rassismus – (k)ein individuelles Problem?

Polizeiübergriffe gegen People of Color gehören zum Alltag der US-Gesellschaft. Selten wird dieses gewalttätige Geschehen auf Video festgehalten und – wie im Fall der Ermordung von George Floyd – millionenfach und über nationale Grenzen hinaus verbreitet. Bürgerliche Medien reagieren in den meisten Fällen erst dann auf Polizeigewalt, wenn es zu Protesten, Krawallen oder Eigentumsdelikten kommt; ähnlich verhält es sich in der Realpolitik, wenn plötzlich von Reformen die Rede ist. Erklärungsansätze dafür, warum es einen offensichtlichen Zusammenhang zwischen Polizeigewalt und Rassismus gibt, spielt für viele allerdings keine Rolle. 

Im schlimmsten Fall reichen sie von falschen Behauptungen vermeintlicher ‚Einzelfälle‘ bis hin zu illusionären Plädoyers für eine ‚diskriminierungsfreie‘ Polizei ohne Racial-Profiling, die jedoch dessen eigentlichen Zweck verkennen und daher zu kurz greifen. Denn: Dass die Polizei in ihrem Berufsalltag auch mit gewaltvollen Mitteln gegen schutzbedürftige Geflüchtete, Obdachlose, Arme, Demonstrant*innen usw. (die Liste ließe sich erweitern) vorgeht, hängt mit der kapitalistischen Praxis zusammen und wird allzu oft durch staatliches Recht legitimiert.

Gleichzeitig werden die Interessen, Bedürfnisse und Nöte dieser Menschen in ihren konkreten Lebenslagen ignoriert, selbst wenn sie dabei vor die Hunde gehen. Ein bürgerlicher Staat sorgt nämlich in erster Linie dafür, dass die Konkurrenz im Rahmen der nationalen und globalen Marktwirtschaft reibungslos ablaufen kann und die Wirtschaft dabei ordentlich boomt, und weniger darum, ein gutes Leben für alle zu ermöglichen. Was das bedeutet tritt offen zu Tage: Man ist der Armut schutzlos ausgeliefert und an der schlechten finanziellen Lage vermeintlich selbst Schuld – zynisch gesagt scheint es so, als seien alle ihres eigenen Glückes Schmied*in.  

Ein Beispiel ist der Südstaat Louisiana: dort bilden Schwarze 33% der Bevölkerung und gleichzeitig 70% der Todesfälle durch Corona. Die Gründe hierfür liegen in dem katastrophalen Sozial- und Gesundheitssystem der USA sowie in der prekären Lebensrealität, welche die Menschen trotz der Pandemie weiterhin zum Arbeiten zwingt. Ähnliche Zahlen gelten für Inhaftierte und auch Statistiken über die Verteilung von Vermögen passen dazu. Die Sklaverei ist zwar längst vorbei, doch die soziale und ökonomische Ungleichbehandlung schwarzer Menschen dauert an. Sie wohnen überproportional häufig in Elendsvierteln, bekommen im Schnitt die schlechter bezahlten Jobs – wenn sie sich in der Konkurrenz um Arbeit überhaupt durchsetzen können. Und landen um einvielfaches häufiger im Gefängnis. 

Vereinzelte Repräsentationen in der Kultur, im Sport oder in der Politik ändern nur wenig an diesen Verhältnissen, da die Ursachen hierfür in den strukturellen Bedingungen dieser Gesellschaft und in den Wurzeln des Rassismus zu suchen sind. Dieser ist kein bloßes Bewusstseinsproblem oder falsches Vorurteil, welches lediglich psychologisch aufgearbeitet werden müsste, wie leider häufig angenommen wird. Die Jahrhunderte zurückliegende politische und ökonomische Unterdrückung durch europäische Kolonialsysteme konnte die Ungleichheit zwischen den schwarzen Sklav*innen und den weißen Kolonialherren mittels rassistischer Zuschreibungen überhaupt erst festigen bzw. legitimieren. 

Der moderne Rassismus steht also in einem engen Wechselverhältnis mit der Ausbreitung der europäischen Wirtschaftsweise, deren Auswirkung die Gegenwart noch immer richtungsweisend beeinflusst. Beides kann nicht getrennt voneinander analysiert und kritisiert werden. Die Verschleppung und Versklavung von Menschen aus dem afrikanischen Kontinent diente dazu, im Zuge der brutalen Landnahme Amerikas durch weiße Europäer*innen, unfreie und günstige Arbeitskräfte für die Produktion von neuartigen und in Europa begehrten Waren auszubeuten. Zufällige Merkmale, wie das der Hautfarbe, wurden als rassistische Zuschreibungen und somit als Instrument genutzt, um Menschen für kapitalistische Zwecke nutzbar zu machen und unter menschenunwürdigen Bedingungen arbeiten zu lassen.

Der Eintritt in bezahlte Arbeitsverhältnisse nach Abschaffung der Sklaverei wurde Afroamerikaner*innen durch den bereits zementierten Rassismus erschwert. Körperliche Eigenschaften, Herkunft und die Unterstellung einer vermeintlich anderen Kultur wurden seither dafür genutzt, Menschen zu unterdrücken.  Im Wettbewerb um einen Arbeitsplatz mussten bzw. müssen People of Color mit bereits etablierten Arbeitskräften konkurrieren und sind dem freien und gleichen Wettbewerb aufgrund ihrer schlechten Ausgangsbedingungen denkbar miserabel gewachsen.

Auch der Konkurrenz um schulische Qualifikationen als Mittel zum Aufstieg in höhere Positionen der modernen Arbeitswelt können viele kaum standhalten, fehlen den Kindern bzw. ihren Eltern doch häufig die finanziellen und sozialen Mittel, sich gegen die Kontrahent*innen im Bildungssystem durchzusetzen. Sie werden dadurch ‚überflüssig‘. Notwendigerweise entwickeln diese Menschen im Kapitalismus, ganz unabhängig von ihrer Hautfarbe, bestimmte Bewältigungsstrategien mit dem eigenen Elend umgehen zu müssen, wenn sie keinen (oder einen schlecht bezahlten) Job finden: die Zuflucht in den Fundamentalismus, Obdachlosigkeit, Schulverweigerung, Alkohol- und Drogenmissbrauch, organisierte Kriminalität: z.B. beim Drogenhandel oder bei Diebstählen, (illegalem) Waffenbesitz oder -gebrauch, häusliche Gewalt usw. (auch hier ließe sich die Liste abermals erweitern).

Dass die ›Verlierenden‹ im Gegensatz zu den ›Gewinnenden‹ durch solche Praktiken die öffentliche Ordnung stören, häufiger aufbegehren und prinzipiell im Visier der Polizei stehen, ist daher kein Zufall – es bedeutet aber nicht, dass Hautfarbe und Kriminalität in einem direkten Zusammenhang stünden.  

In westlichen Gesellschaften gibt es jedoch einen rassistisch motivierten Generalverdacht gegenüber People of Color, häufiger Straftaten zu begehen, als Weiße. Das führt dazu, dass sich bestimmte Handlungen gar nicht erst an geltendem Recht messen lassen, sondern dass viele People of Color unschuldig verhaftet bzw. verurteilt werden, längere Gefängnisstrafen verbüßen müssen und zudem einer besonderen Härte von Polizeigewalt ausgesetzt sind. Für dieses gesellschaftliche Missverhältnis ist die gegenwärtige Rechts- und Wirtschaftsordnung verantwortlich, die durch einen rechten Kulturkampf – nicht nur in den USA – immer weiter befeuert wird.

Gegen diese schlechten Ausgangsbedingungen müssen wir alle zusammen zu einem Befreiungskampf gegen die politische und wirtschaftliche Ordnung der Staatsmacht übergehen und die Transformation der Gesellschaft fordern.  

Rassismus ist, auch wenn es häufig so dargestellt wird, mitnichten nur ein US-amerikanisches Phänomen. Ähnliche Diskurse werden auch in Deutschland geführt. Beispielhaft hierfür sind die Bücher des SPD-Politikers Thilo Sarrazin, die nicht trotz, sondern wegen ihrer rassistischen Inhalte zu Bestsellern wurden. Sarrazin weist dort vermeintlichen Nicht-Deutschen mindere Intelligenz, Faulheit, Nutznießerei und andere negative Charaktereigenschaften zu und wird dafür von Teilen der Gesellschaft gefeiert.

Auch die ständig aufflammende Diskussion um Zuwanderung knüpft an ähnliche Positionen an. Willkommen ist hier nur, wer dem Wirtschaftsstandort nützt. Damit einher geht – mal ganz offenkundig, mal eher subtil – die Feindschaft gegenüber allen, die nicht ins Idealbild einer kapitalistischen Leistungsgesellschaft passen (›Unproduktive‹, ›Faule‹, ›Schmarotzer*innen‹‘‚ ›Hartz-IV-Betrüger‹ etc.).

Diese Abwertung muss als Versuch betrachtet werden, die eigene Nützlichkeit zu untermauern und somit den eigenen Status zu verbessern. Paradox jedoch, dass sich Migrant*innen im Niedriglohnsektor immerzu kaputt schuften, solange sie keine unmittelbare Konkurrenz um Arbeit außerhalb dieses Sektors darstellen. Blickt man auf die deutsche Geschichte, wurden ausländische Arbeitskräfte vor allem für diejenigen Tätigkeiten angeworben, die kein*e Deutsche*r tun wollte. Häufig waren das schlecht bezahlte, körperlich anstrengende, gefährliche und gesellschaftlich kaum anerkannte Tätigkeiten.

Die sogenannten ‚Gastarbeiter*innen‘ ermöglichten erst das deutsche ‚Wirtschaftswunder‘ und den sozialen Aufstieg vieler Deutscher, ohne selbstnennenswert davon zu profitieren. Auch aktuelle Beispiele hierfür gibt es zuhauf: seien es Pflege- und Putzkräfte, Paketbot*innen, Erntehelfer*innen oder Schlachter*innen, die zu erbärmlichen Löhnen und unter katastrophalen Bedingungen buckeln müssen – und ihnen gleichzeitig noch horrende Kosten für Schlafplätze und Nahrung aufgedrückt werden.

Der Integrations- und Einwanderungdiskurs ist also immer mit der Verwertbarkeit von Menschen in diesem Wirtschaftssystem verbunden und folgt dabei rassistischen Abwertungs- und Ausgrenzungsmechanismen. Der Kampf gegen Rassismus in den Köpfen kann nur Hand in Hand mit einem Kampf um die Verbesserung der Produktionsbedingungen geführt werden!

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