Pandemic Demands

Der folgende Text wurde am 16. März von Al Mikay und Julia H auf der Website von Plan C aus Großbrittannien veröffentlicht. Der Text bezieht sich auf die aktuelle Situation rund um den Corona-Virus in UK, aber es gibt viele Parallelen zur Situation in Deutschland und schließt an die erste Liste von Pandemic Demands und der Bestandaufnahme, die vom Antifa AK Köln übersetzt und veröffentlicht wurde, an.

Wir veröffentlichen hier eine übersetzte Version als einen Denkanstoß und Debattenbeitrag. Die anderen Texte findet ihr bei Plan C sowie die Übersetzung des ersten Teils beim Antifa AK Cologne.

Wir leben in surrealen Zeiten. Alles verändert sich so schnell und auf eine Art und Weise, wie wir gehofft haben niemals erleben zu müssen. In einer Zeit, in der wir uns in eine Phase des massenhaften social distancing begeben und die bestehende Krise sich verschärft, dürfen wir nicht zulassen uns aus Angst auch in eine politische Selbst-Isolation zu begeben. Die Wirtschaft kommt zum Stillstand und Börsenkurse fallen ins bodenlose. Die möglichen Folgen und Auswirkungen bis jetzt beispiellos: Millionen von Toten, Massenarbeitslosigkeit, gesellschaftlicher Zusammenbruch.Außergewöhnliche Zeiten verlangen nach außergewöhnlichen Forderungen – Forderungen, die nach und nach weitere Teile der Gesellschaft erreichen und nicht mehr undenkbar scheinen. Wir sind in der gleichen Situation wie Millionen andere, die fürchten geliebte Menschen zu verlieren. Wenn es eine Zeit gibt für das zu streiten, was wir brauchen, dann jetzt.

Pandemische Forderungen

„… der Ausnahmezustand in dem wir Leben ist weit davon entfernt Politik aus dem sozialen Leben zu verbannen. Dies ist nicht die Zeit der Herrschaft der Wissenschaft oder der Bullen. Es ist tatsächlich die Zeit, in der radikale Vorschläge teil des common sense werden können.“ DinamoPress, ein autonomes Media-Outlet in Rom letzte WocheDiese radikalen Vorschläge oder pandemische Vorschläge entstehen in der Breite der sozialen Bewegungen und streiten für eine Ausweitung unserer Rechte dieser Pandemie zu begegnen und uns ihr entgegen zu setzen. Plan C hat eine erste Auflistung von pandemic demands am letzten Freitag veröffentlicht, wie ein garantiertes Grundeinkommen, die Vergesellschaftung von privaten Kliniken und Krankenhäusern und das Recht auf selbstgewählte Isolierung ohne ökonomische Repressionen zu fürchten. Nach 40 Jahren Austeritätspolitik und Neoliberalismus ist es für uns durch das geschwächte Sozialsysteme, den ausgehöhlten Wohlfahrtsstaat und unsere eingeschränkten Rechte schwer unser Leben zu bestreiten. Auch so leben wir bereits in prekären Verhältnissen, was bedeutet, dass auch kleine Unregelmäßigkeiten in unseren regelmäßigen Abgaben oder sozialen Bezügen uns ins Elend stürzen können.Um den Corona-Virus zu überleben müssen wir in Betracht ziehen neue Commons zu schaffen durch die Enteignung und Vergesellschaftung privaten Vermögens – private Krankenhäuser und Hotels inbegriffen – auch ohne finanzielle Entschädigung. Wenn wir aufgrund des Risikos an dem Corona-Virus zu erkranken nicht arbeiten können, dann müssen wir auch unabhängig davon, was im Arbeitsvertrag festgeschrieben ist Geld zum Leben haben, auch ohne Lohnarbeit. Wenn wir keine Miete, Raten oder Hypotheken bezahlen können, dann sollten wir unabhängig vom (Miet-)Vertrag aufhören zu bezahlen.Wir haben wilde Streiks in Italien gesehen von Arbeitern, die sich dagegen zur Wehr setzen, dass die Regierung anordnet, dass sie in Fabriken arbeiten müssen, während über den Rest des Landes Ausgangsperren und Selbst-Quarantäne verhängt werden. Was diese Pandemie aufgedeckt hat sind die vielfältigen Abhängigkeitsbeziehungen in den Netzwerken von Produktion und Reproduktion, von Sorgearbeit und öffentlichen Leistungen, auf die sich unsere Leben stützen, sowie die inhärent gewaltvollen Klassenverhältnisse, die diese Netzwerke beherrschen und durchziehen. Die Besinnung auf unsere eigene Stärke – Klassenbewusstsein – ist unabdingbar dafür, wie wir uns gegen ein System zur Wehr setzen können, das lieber die Wirtschaft am Laufen halten will, als Leben zu retten.

Bildet Hilfsgruppen!

Wir haben alle die Bilder gesehen von Hamsterkäufen und leergefegten Regalen. Die Medien wollen, dass wir die kritisieren, die das tun, und stellt sie als Horden von Menschen aus der Arbeiterklasse dar, die Toilettenpapier und Desinfektionsmittel horten. In Wirklichkeit ist dies rationales Verhalten, in einem System, dessen Regeln selbst irrational sind und auf Individualismus und das Überleben des Stärkeren basieren. Dieses Verhalten spiegelt die Sorge, wie wir uns und unsere Familien, innerhalb des bestehenden sozioökonomischen Systems versorgen. Ein System, das die letzten 10 Jahre dafür aufgewendet hat das soziale Gesundheitssystem zu zerstören, Rechte von Arbeitnehmer*innen anzugreifen, dafür zu sorgen, dass Millionen Menschen auf Tafeln angewiesen sind und für eine katastrophale Klimakatastrophe verantwortlich ist.Unbeachtet und im Kontrast zu den Schauergeschichten der Medien wächst eine andere Massenbewegung. In den letzten 48 Stunden sind über 500 lokale Hilfsgruppen über ganz Großbritannien aus dem Boden geschossen und bereiten sich darauf vor gegen die Pandemie aktiv zu werden. Diese Hilfsgruppen haben sich gegründet, um dafür zu sorgen, dass niemand zurückgelassen wird. Sie wurden gegründet, damit diejenigen, die sich selbst isolieren andere um Hilfe bitten können. Koordiniert werden die Gruppen häufig per WhatsApp und Facebook auf Ebenen von Nachbarschaft, Bezirk oder Stadt und hunderte Leute im ganzen Land informieren ihre Mitmenschen über diese neuen Initiativen.

Keeping it political!

Boris Johnson hat die Gemeinschaft dazu aufgerufen andere zu schützen und „an die Nachbarn zu denken“. Dies erinnert an frühere Versuche die kostenlose Arbeit für sich zu vereinnahmen und Löcher zu stopfen, die von der Sparpolitik der konservativen Partei hinterlassen wurden. So hatte zum Beispiel der gescheiterte Big-Society-Ansatz von David Cameron zum Ziel Millionen von uns – die sich regelmäßig engagieren und anderen helfen – in die Verantwortung zu nehmen, vormals staatlich finanzierte Angebote und Services am Laufen zu halten.Wir müssen uns dagegen wehren, dass diese Bewegung vereinnahmt wird und in den Idealtypus des „guten Bürgers“ und Modelle des Selbsthilfegruppen-Aktivismus und Wohltätigkeit eingespeist wird. Die Bewegung ist eine politische Antwort auf die Unfähigkeit der Regierung und speist sich aus dem Misstrauen gegenüber ihren Lösungsansätzen. Um dies zu tun müssen wir politisieren, was wir in diesen Gruppen tun und warum wir es tun. Dies ist von größter Wichtigkeit, denn die Depolitisierung kann zu reaktionären Formen von „Zivilgesellschaftlicher Verantwortung“ führen. So zum Beispiel nach den London-Riots im Jahr 2011, als hunderte Menschen in Süd-London die Straßen gefegt und gesäubert haben als Symbol der „Stärke gegen die Krawallmacher“ [ein Vergleich zu G20 bietet sich an, df]. Damit werden die zugrundeliegenden Verhältnisse und Dynamiken, wie die große Verzweiflung in der Jugend und die gewaltvollen gesellschaftlichen Ungerechtigkeiten ausgeblendet und nicht anerkannt. Wir sehen ein voraus, dass sich ein ähnliches Spannungsfeld entwickelt, jetzt wo diese Bewegung sich vor größeren Herausforderungen sieht und die Rolle von Polizei, Staat und Unternehmen mehr und mehr in Frage gestellt werden. Das was nach gegenseitiger Hilfe aussieht, könnte sich im schlechten Fall zum Stellvertreter für die Durchsetzung staatlichen Zwangs und von Dekreten entwickeln.Zusammenfassend dürfen wir den Moment in dem wir uns befinden nicht unterschätzen. Um dieser Pandemie zu begegnen müssen wir die Gesellschaft kommunisieren, damit sie für unsere Bedürfnisse sorgt. Diejenigen, die über das Kapital verfügen und die Politiker in der Regierung fürchten sich vor diesem Potential so sehr, wie vor COVID-19. Für uns geht es um unser Überleben im Angesicht sich beschleunigender Strapazen und Krankheit.

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