Mit dem Aufhören anfangen

Der Klimawandel ist in vollem Gange. Längst geht es nicht mehr darum, den Klimawandel noch aufhalten zu können, sondern vor allem darum, den globalen Temperaturanstieg im Mittel möglichst klein zu halten und diverse Kipppunkte zu umschiffen. Oft ist dann die Rede davon, dass alle ihren Beitrag dazu leisten müssen, und zwar, indem sie einen »nachhaltigen Konsum« pflegen.

Das heißt dann: weniger fliegen, das Auto auch mal stehen lassen, auf Fleisch verzichten, Bio-Produkte bzw. nur solche aus nachhaltiger Herstellung kaufen und ganz allgemein: weniger konsumieren! Klingt ganz einfach und für alle machbar. Nur wollen müsste man, oder!?

Die Idee dahinter ist einfach erklärt: Wenn Alle »nachhaltig konsumieren«, besser darauf achten, was sie wann und wo kaufen, dann müssten die Herstellenden der Waren sich diesem Konsumverhalten beugen und es würde ganz automatisch eine Umstellung auf eine umweltfreundliche Produktion oder die Verkehrswende eingeläutet. Die Kundin ist Königin.

Wir alle sind demnach höchstselbst dafür verantwortlich, ob dieser Planet den Bach runtergeht oder nicht. Alles was wir tun müssen, ist: endlich unserer Verantwortung für die Allgemeinheit und Umwelt gerecht werden. Ganz privat. Alle nur für sich. Aber stimmt das denn? Bestimmt die Nachfrage wirklich das Angebot und wie entsteht eigentlich Nachfrage? Wie entstehen menschliche Bedürfnisse? 

Dass die Kundin Königin sei, ist eine Redewendung, die es von einem knackigen Werbespruch zum Sprichwort gebracht hat. Damit einher geht die irrige Annahme, produziert und verkauft würde lediglich, was auch nachgefragt werde – wofür es einen Bedarf gibt.

Wie ist es in diesem Kontext zu erklären, dass knapp 80 Prozent der Deutschen angeben, Bio-Lebensmittel kaufen zu wollen [1], gleichzeitig aber noch immer nur 10 Prozent der deutschen Agrarbetriebe Bio-Höfe sind, auf nur 7 Prozent der Ackerflächen solche hergestellt werden und Bioprodukte insgesamt nur einen Anteil von knapp 5 Prozent am Gesamtumsatz mit Lebensmitteln ausmachen? Müsste die Nahrungsmittelindustrie nicht längst umgestellt haben, um die hohe Nachfrage zu decken [2]?

Die Annahme, die Nachfrage bestimme das Angebot, folgt im Wesentlichen der Behauptung liberaler Ökonomen, es existiere ein immerzu rational handelnder Mensch, der alle (Kauf-)Entscheidungen auf der Basis umfassender Informationen und grundsätzlich zu Gunsten seiner ureigenen Interessen fällt.

Dieses Interesse ist dann die Nutzenmaximierung (des sog. »homo oeconomicus«) [3]. Dass ein solcher Mensch nicht existiert, ist derart offensichtlich, dass dieses Konzept hier nicht weiter widerlegt werden soll. Spannender scheint dagegen die Frage nach den Bedürfnissen zu sein:

Unzweifelhaft gibt es grundlegende Bedürfnisse, die sich aus der Beschaffenheit und Funktionsweise des (menschlichen) Körpers ergeben: Menschen müssen bspw. essen, trinken, schlafen und sie brauchen Schutz vor der Witterung in Form von Kleidung und einem Dach über dem Kopf. Sind diese grundlegenden Bedürfnisse gedeckt, ist zunächst mal das Überleben der Einzelnen gesichert.

Decken Menschen diese grundlegenden Bedürfnisse selbst oder im (erweiterten) Familienverbund, sprechen wir von »Subsistenzwirtschaft«. Also einer Wirtschaftsweise, in der die Einzelnen sich das Überleben aus-schließlich durch eigene (körperliche) Arbeit sichern.

Wie die Befriedigung dieser grundsätzlichen Bedürfnisse sichergestellt wird, ist aber eine kulturelle Frage und keine einer vermeintlich »natürlichen« oder gar »widernatürlichen« Lebensweise: Ob wir Alle in Höhlen, Zelten oder Häusern schlafen, uns in Felle oder Funktionswäsche kleiden, Fleisch essen oder nicht, Jäger*innen und Sammler*innen sind oder Nahrung aus Molekülen replizieren, wie in Star Trek, ist eine Frage der vorherrschenden Kultur.

Die Antwort auf die Frage des »wie« der Grundsicherung, bringt immer schon ihre eigenen Anforderungen und Bedürfnisse mit sich. Das können bspw. technische Errungenschaften, wie Werkzeuge, Maschinen und andere Hilfsmittel sein aber eben auch die Antwort darauf, wonach der Bedarf sich konkret richtet (Fleisch und/oder Gemüse z. B.).

Auch sich verändernde Sozialstrukturen, etwa durch die Spezialisierung von Einzelnen, in arbeitsteiligen Gesellschaften oder neue Lebensentwürfe und Familienformen, bringen neue Begehrlichkeiten und Anforderungen mit sich. Schon aus dem jeweiligen, kulturell geprägten, Prozess zur Befriedigung grundlegender Bedürfnisse, ergeben sich dann neue, sozial produzierte.

Menschen, die meinen, was und wie produziert werde, liege in der individuellen Verantwortung der Einzelnen, gehen dem gegenüber häufig davon aus, dass es berechtigte Bedürfnisse gibt und solche, die keine Daseinsberechtigung hätten. Dabei verkennen oder leugnen sie den grundsätzlich sozialen Charakter von deren Entstehung und sind sich dabei sicher, moralisch auf der richtigen Seite zu stehen. Im Angesicht der drohenden Klimakatastrophe haben sie die Lösungswege zur Hand: 

Die Schuld für die drohende Katastrophe wird den Einzelnen zugeschrieben, die einfach nicht begreifen wollen, dass deren Bedürfnisse keine Daseinsberechtigung haben, weil diese von einer global agierenden, Multi-Milliarden Dollar schweren Werbeindustrie tagaus tagein überhaupt erst produziert werden.

Besonders authentische Fälle predigen nicht nur den Konsumverzicht, sondern leben diesen als »Influencer*innen« vor und werden dabei durch ihre multimediale Dauerpräsenz zu Prophet*innen einer archaischen – vormodernen – Lebensweise, die auf die ewige Schinderei der Subsistenzwirtschaft zielt.

Nicht zufällig gibt es bei der Hinwendung zu einer »natürlichen Lebensweise« große Schnittmengen zwischen vermeintlich progressiven, linken Gesellschaftsentwürfen und diversen faschistischen Bewegungen, wie z. B. den sog. »völkischen Siedlern«. Was sie eint, ist ihre Zivilisationsverachtung.

Die in der Gegenwart global durchgesetzte Antwort auf die Frage, wie wir menschliche Grundbedürfnisse befriedigen können, ist der Kapitalismus. Wir haben an einigen Stellen unserer Broschüre »System Change not Climate Change« bereits versucht, die verschiedenen Abhängigkeits- und Unterdrückungsverhältnisse, die diese Antwort mit sich bringt, auszugs- und ansatzweise darzustellen.

Auf einen Aspekt sind wir dabei aber noch nicht eingegangen. In seinem berühmtesten Werk beschrieb Karl Marx diese Gesellschaft direkt im ersten Halbsatz treffend so: »Der Reichtum der Gesellschaften, in welchen kapitalistische Produktionsweise herrscht, erscheint als eine ›ungeheure Warensammlung‹, […]« [4]

Es stimmt! Sobald wir einen Supermarkt betreten, werden wir von dem vorhandenen Angebot fast erschlagen und wir bekommen überhaupt nur das zu Gesicht, was sich in der allgemeinen Konkurrenz schon soweit erfolgreich durchgesetzt hat, dass es überhaupt seinen Platz im Regal einnehmen darf. Dazu wird regional nur angeboten, was auch kulturell akzeptiert ist: was bei uns als »Schlachtabfall« gilt, wird dann eben billig exportiert (und zerstört anderswo die Grundlagen der lokalen Wirtschaft) oder gleich entsorgt.

Betrachtet man zudem, wieviel von dem, das dort in der Auslage dargeboten wird, am Ende weggeworfen oder gar in Milchseen gegossen wird, um Preise stabil zu halten, liegt der Schluss nahe, dass wir einen ungeheuren Überschuss produzieren – während anderswo noch immer Menschen hungern. Das erscheint wenig vernünftig und kann eine*n in den Wahnsinn treiben. Aber fragen wir uns doch mal, warum das so ist: Welchen Zweck erfüllt dieses Überangebot?

Die kapitalistische Produktion gleicht einem »Perpetuum Mobile«. Einem mechanisch betriebenen Apparat, dessen einziger Daseinszweck darin besteht, sich selbst am Laufen zu halten. Der Konsum ist der »Motor« dieses Apparats und der dient gleichzeitig dazu, möglichst vielen (aber niemals Allen) Arbeit zu verschaffen, für die sie dann Lohn erhalten, mit dem sie über den Konsum ihre Bedürfnisse befriedigen können. Das alles in einem endlosen Kreislauf. der niemals stillstehen darf.

Es hat also einen Grund, warum immer mehr Waren in immer absurderen Verhältnissen produziert werden und dabei die Naturzerstörung im gleichen Ausmaß zunimmt, wie der Konsum – also der Ge- bzw. Verbrauch der hergestellten Waren. 

Wer hier meint, Konsumverhalten sei vor allem eine Frage der (richtigen) Moral, macht es sich zu leicht. Zum einen muss man sich »den richtigen« Konsum zunächst auch erstmal leisten können: Nicht Alle verfügen über die finanziellen Mittel, um sich das Bio-Gemüse aus regionaler Produktion und das Holzspielzeug vom Tischler um die Ecke kaufen zu können. Sie müssen auf das zurückgreifen, was billig und in Massen produziert und entsprechend günstig(er) verkauft wird. In aller Regel sind das nicht gerade die Produkte, die wir als umweltverträglich einstufen. Zum anderen dürfen wir nicht vergessen, dass viele Bedürfnisse einen sozio-kulturellen Ursprung haben.

In der neoliberalen Leistungsgesellschaft sind das zum Beispiel Statussymbole: wie teure Urlaubsreisen, das jeweils neuste Smartphone, schicke Klamotten oder der Sportwagen bzw. der SUV unserer Nachbarsfamilien. Diese Dinge haben aus zweierlei Gründen Bedeutung.

  1. die Menschen belohnen sich mit ihrer Anschaffung für zuvor Geleistetes – Konsum löst nachweislich Glücksgefühle aus.
  2. Menschen streben nach sozialer Anerkennung.

In der Leistungs- und Konkurrenzgesellschaft aber bemisst sich der soziale Status daran, wie erfolgreich die Einzelnen sich im allgegenwärtigen Wettbewerb durchsetzen. Statussymbole heißen nicht ohne Grund so. Ihr Vorhandensein symbolisiert den Erfolg. Genauso, wie ihre Abwesenheit den Misserfolg der scheinbar an der Konkurrenz gescheiterten Einzelnen in unserer Gesellschaft zeigt.

Richtig wäre, sich das bewusst zu machen und darüber nachzudenken, wie man diese – im Sozialen produzierten – Bedürfnisse umlenken könnte. Was hieße: an die Wurzel des Problems zu gehen. Den Einzelnen das Anhäufen von Statussymbolen zu untersagen, bedeutet dagegen bloß das Bekämpfen von Symptomen.

Es bedeutet immer einen Angriff auf deren Selbstwahrnehmung und ihre persönliche Stellung in der Gesellschaft. Entsprechend werden sie sich zur Wehr setzen und etwaige Verbote können dann kaum von Dauer sein. Ganz egal, wie vernünftig sie mit Blick auf die drohende Klimakatastrophe auch sein mögen. Letzteres Allen begreiflich zu machen, ist eine Aufgabe, die schlicht niemals zu erfüllen sein wird. 

Anschaulich wird das, wenn man sich das alltägliche Geschrei von der bevorstehenden »Öko-Diktatur« eines angeblichen »linksgrünversifften Mainstream« ansieht [5]. Aber nicht nur das Bedürfnis Statussymbole anzuhäufen, ist ein Produkt der Vergesellschaftung im Kapitalismus.

Eine der Kernannahmen des Neoliberalismus ist es, dass Alle für ihr eigenes Schicksal, den persönlichen Erfolg oder Misserfolg verantwortlich seien. Die sicherlich gut gemeinte Idee, der eigene Konsumverzicht sei eine geeignete Antwort auf die großen Fragen der Weltgesellschaft, wie zum Beispiel das Klima, ist eine Fortsetzung dieses Gedankens. Sie ist ein deutliches Zeichen dafür, wie sehr die Einzelnen die obige Annahme bereits verinnerlicht haben und dabei die gesellschaftlichen Verhältnisse, die dem ganzen Wahnsinn zu Grunde liegen, ausblenden.

Das geht dann mitunter soweit, dass das Elend der Ärmsten dieser Welt regelrecht romantisiert wird: Dass die ärmsten 50 Prozent der Weltbevölkerung nur für knapp 10 Prozent des CO₂-Ausstoßes verantwortlich sind und die reichsten zehn für 49 Prozent [6], liegt nicht etwa daran, dass diese Menschen bewusster oder irgendwie »ursprünglicher« und eben »natürlicher« leben würden. Sondern daran, dass diese sich den Lebensstandard schlicht nicht leisten können, der diese Unmengen CO2 produziert.

Mit welchem Recht will man nun einerseits den reichsten 10 Prozent sagen, sie hätten sich an den ärmsten zu orientieren und umgekehrt den ärmsten die Steigerung ihres Lebensstandards – mit all jenen Bedürfnissen und deren potentieller Erfüllung, die mit einem solchen Wandel einhergingen – verweigern? Und wer will das wie, wann und auf welcher Machtbasis durchsetzen?

Ein Hinweis darauf, dass die Konsumkritik ins Leere läuft (obwohl die Idee dahinter ja vernünftig sein mag), könnte zum Beispiel sein, dass bewussterer Konsum bisher kaum je dazu geführt hat, dass sich tatsächlich etwas geändert hat.

Stattdessen sind neue Produktnischen entstanden: wie zum Beispiel vegane Fleischersatzprodukte, die neue Zielgruppen erschlossen und Märkte erschaffen haben, gleichzeitig aber keinen Effekt auf die industrielle Fleischproduktion hatten. Tatsächlich nehmen Massentierhaltung und Fleischkonsum stetig zu [7], obwohl eine wachsende Anzahl an Menschen bewusst darauf verzichtet [8]. 

Eine Kritik, die sich ausschließlich an den Konsum richtet, lagert die Verantwortung an Einzelne aus und appeliert an die Moral. Sie hat den Blick auf die dahinterstehenden Mechanismen der kapitalistischen Produktionsweise nicht im Blick. Echte Perspektiven ergeben sich aus ihr deswegen nicht, weil sie sich an Symptomen abarbeitet, statt deren Ursachen in den Blick zu nehmen.

Eine grundsätzliche Kritik kann sich nur gegen die Verhältnisse als Ganzes richten, die die Menschen in Lohnarbeit zwingen und abhängig von der kapitalistischen Verwertungsmaschinerie machen. Mit dem Aufhören endlich anzufangen und zum Beispiel Glühbirnen für den Bedarf zu produzieren (die dann auch ein Menschenleben lang halten) – einfach, damit es hell wird in der Bude – anstatt solche die nur Ware – also Schmieröl für den Motor – sind und die eine geplante Brenndauer haben. Alles nur, um den Motor am Laufen zu halten…

Das wäre – trotz alledem – der erste Schritt hin zu einer sozial gerechten und ökologisch nachhaltig eingerichteten Welt.

Quellen
[1] Ökomonitor 2018 – Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft
[2] foodwatch.org
[3] Wirtschaftslexikon.de
[4] MEW 23, »Das Kapital«. Dietz Verlag, Berlin/DDR: 1968; S. 49
[5] Deutschlandfunk: »Deutschland wird wieder Untertanenland«
[6] Oxfam »Extreme Carbon Inequality«
[7] Statista: Entwicklung der Fleischproduktion
[8] Vegan Trend: »Steigende Anzahl vegan lebender Menschen«

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