Klima der Angst

eine Zukunft für Alle ist eine Welt ohne Angst.

Die Klimakrise macht Angst. Es gibt verschiedene Reaktionsweisen auf die Angst vor den Auswirkungen des menschengemachten Klimawandels. Grob unterteilen lassen sich diese Reaktionen in: Aktivität, Verweigerung bzw. Passivität und Leugnung der Krise. Wie lassen sich diese sehr unterschiedlichen Reaktionsweisen erklären und was ist zu tun, um Passivität und Leugnung entgegenzuwirken?

Die Klimakrise wird, u.a. von sehr bekannten und politisch bedeutsamen Personen, geleugnet. Was angesichts der erdrückenden Last an wissenschaftlichen Warnungen und Bedrohungsszenarien unbegreiflich erscheint, lässt sich psychologisch erklären: Einerseits sind die Prognosen und die erwähnten Szenarien derart gewaltig und beängstigend, dass sie Personen überwältigen können. Andererseits sind die Prozesse und Dynamiken, die in den Veränderungen des Klimas wirkmächtig werden, derart komplex, dass diese Komplexität viele überfordert und nicht so leicht von allen nachvollzogen werden kann. Überwältigend bedeutet dabei, dass diese Erkenntnisse als derart bedrohlich für die eigene Person empfunden und psychisch abgewehrt werden. Das lässt sich auf eine psychische Schwächung der Person zurückführen, die derartige Bedrohungen und Ängste selbst nicht verarbeiten und bewältigen kann, so dass die Leugnung unbewusst die letzte Option ist, handlungsfähig zu bleiben. 

Hier wird eine natürliche Funktion von Angst in einer verzerrten Form deutlich: Angst kann bspw. als Auslöser einer Flucht fungieren. Angst versetzt den Körper in erhöhte Alarmbereitschaft und ermöglicht so eine Flucht aus einer als bedrohlich empfundenen Situation. Dies taucht verzerrt in der Leugnung wieder auf: Da das Zulassen einer Erkenntnis nicht ausreichend verarbeitet werden kann und somit als Bedrohung des Ich aufgefasst wird, flüchtet man sich aus der Erkenntnis in eine Situation, die weniger bedrohlich erscheint. Die Leugnung dient so der psychischen Gefahrenabwehr. Die reale Bedrohung wird nicht bewusst zugelassen und somit nicht in ihren potentiellen Konsequenzen wahrgenommen.  

Dabei ist Leugnung eine extreme Form der Bedrohungsabwehr. Eine andere Form ist die Verweigerung bzw. Passivität angesichts der Krise: Diese wird samt ihres Bedrohungspotentials zwar wahrgenommen, die Überwältigung vor der Größe der zu bewältigenden Aufgabe lässt die Personen aufgeben und in Ohnmacht erstarren. Das zerstörerische Potential ist hier bewusst, lähmt aber jegliche Aktivität. Das Aufgeben jedes Versuchs, sich eine Änderung überhaupt noch vorstellen zu können bzw. aktiv an einer derartigen Veränderung mitzuwirken, ist die Folge.

Die »Psychologists for Future« sprechen daher explizit davon, dass „psychologische Mechanismen, die einer Verhaltensänderung und politischem Handeln entgegenstehen, aufgedeckt, kommuniziert und überwunden werden (müssen).“ Dabei zeigen die Psycholog*innen auch einen Weg auf, der diesen Mechanismen entgegenwirkt und so Menschen von der Passivität in die Aktivität führen kann: Die empathische Kommunikation und kollektive Unterstützung gegen das als überwältigend erlebte Bedrohungs- und Angstpotential. Dabei wird zu zeigen sein, dass dies ein notwendiger, aber nur ein erster Schritt in der Bewältigung der Angst vor der Krise ist.

So kann die Erfahrung der Angst vor den langfristigen Auswirkungen der Krise auch als einer der vorrangigen Faktoren bestimmt werden, warum sich aktuell viele Menschen zu verschiedensten Formen der politischen Aktion gegen die menschengemachten klimatischen Veränderungen gedrängt sehen. Gedrängt werden die Schüler*innen von der Angst vor dem, was in der Zukunft liegt. 

Die Schüler*innen, Forschende, Studierende, Arbeitende, … – »for Future« finden sich unter anderem deswegen zusammen, weil sie diese Verunsicherung teilen: Was wird in Zukunft passieren und wie wird unsere Zukunft aussehen? Welche Veränderungen des Klimas, der Natur und damit der menschlichen Lebensgrundlage sind zu erwarten? Angst funktioniert so als Faktor Menschen zusammenzubringen: Viele Menschen teilen dieselben Emotionen, sie teilen diese Angst und Unsicherheit über ihre Zukunft und sprechen miteinander darüber; sie sprechen über die Furcht und darüber, wie sie zusammen etwas dagegen unternehmen können. Auf dieser gemeinsamen Grundlage finden sie sich in sozialen Gruppen zusammen und organisieren sich und gemeinsame Aktionen. Dies ist eine Besonderheit dieser „Klima-Angst“: Sie darf offen ausgesprochen werden, da viele andere Menschen ähnlich fühlen und auch Angst haben und dies offen artikulieren. Man kann diese Angst sich selbst und anderen gegenüber offen zugeben und hat in diesem Fall die Möglichkeit, über die Angst zu sprechen, um sich gegenseitig zumindest das Gefühl geben zu können, mit der Bewältigung der Angst nicht allein zu sein. 

Doch warum ist das überhaupt etwas Besonderes? Angst ist etwas, über das ansonsten nicht gerne öffentlich gesprochen wird. So merken beispielsweise Schüler*innen in der Schule sehr schnell, dass Angst etwas ist, von dem sie nicht allzu offen reden sollten, denn darauf folgt meist die Markierung als „Schwächling“ oder „Loser“. Das zeigt, dass Angst zumeist mit Schwäche in Verbindung gebracht wird. Wer Angst vor der nächsten Klausur hat, der muss wohl nicht genug gelernt haben oder sonst einfach ‚zu doof‘ sein; es scheint also ein Zeichen individueller Schwäche zu sein, Angst zu haben. Daraus wird sehr schnell gelernt, nicht öffentlich darüber zu reden, sondern besser zu versuchen, allein damit klarzukommen. 

In der Schule geht es nicht darum, dass alle Schüler*innen gemeinsam etwas lernen und daran Spaß haben. Es geht darum, am Ende des (Halb-) Jahres möglichst niedrige Zahlen auf einem Blatt Papier zu haben. Es geht also um Leistung, deren Erfolg auf einem Zeugnis ausgedrückt wird. 

Über der Schulzeit steht die Sorge, sich seinen Lebensunterhalt jenseits des Elternhauses nicht ausreichend sichern zu können. Bereits in der Schule, und dann in Ausbildung oder Studium, sind die Sorgen von morgen zu spüren und ständig präsent. Es ist dieser bedrohliche Vorschein der Zukunft, der die eigene Gegenwart beeinflusst. Es ist die Angst es nicht zu schaffen, die Angst in diesem Wettkampf zu scheitern und zu den „Verlier*innen“ zu gehören, die kein (sogenanntes) ‚sorgenfreies‘ Leben haben. Diese Angst treibt einen – bewusst oder unbewusst – ständig in der Schule um und an. Dabei gibt es keinen Platz für Schwäche und damit auch keinen Platz dafür, über seine Ängste vor der Klausur, dem Zeugnis und der eigenen Zukunft offen zu sprechen. 

Dies schafft eine Umgebung, in der gemeinsames Lernen kaum möglich ist, weil so Formen von gemeinsamer Lernaktivität und solidarischem Handeln ad absurdum geführt werden. Jede und jeder muss es allein schaffen. Die Schule ist hier ein Ausblick darauf, was uns im späteren Leben erwartet: Alle für sich und gegen den Rest in der Konkurrenz. Zuerst um die besten Noten, dann um den höheren Lohn.

Die Angst zeigt sich nicht zuletzt an den anhaltend hohen Zahlen an Diagnosen von Depressionen bei Schüler*innen. Dass diese Zahlen später unter herrschenden Zuständen nicht geringer werden, lässt sich anhand der zunehmenden psychischen Erkrankungen, wie eben Depressionen oder dem Burnout-Syndrom bei Arbeitenden, erkennen. Es scheint so zu sein, dass dieser permanente Druck, den die Angst vor Verlust des Einkommens oder vor steigenden Mieten in einem erzeugt, auch nach der Schule fortbesteht.

Ein Merkmal von Angst ist also, dass sie Menschen vereinzelt. Man lernt sehr schnell, selbst für sich und seine Ängste, sowie ihre Bekämpfung verantwortlich zu sein. Gerade die Diagnose einer Krankheit verdeutlicht dies: Etwas stimmt mit der Person nicht, sie ‚funktioniert‘ nicht richtig und darum muss die Person etwas an sich verändern, an sich arbeiten. Das beinhaltet auch, dass die Angst, sowie ihre Grundlagen und damit die Möglichkeiten ihrer Bekämpfung, zumeist in den Personen selbst verortet werden.  

Kommen wir an dieser Stelle noch einmal auf den Anfang des Textes zurück und erinnern uns vor allem an die psychische Abwehr, die als Leugnung von Krisen auftritt. Die Leugnung wurde psychologisch damit begründet, dass die Krise so überwältigend ist, dass die einzelne Person damit nicht zurechtkommt. Dies ist als Folge von Vereinzelung zu verstehen, die als Schwächung und Überforderung der Person deutlich wird. Wird dieser Vereinzelung nun mit einer gemeinsamen Erfahrung begegnet, bietet sich die Möglichkeit, die Auseinandersetzung mit der Angst zuzulassen und so nicht auf die Abwehrfunktion der Leugnung zurückgreifen zu müssen. Erst dies eröffnet die Möglichkeit einer politischen Aktivität, die auf der kollektiven Auseinandersetzung mit der Angst beruht.

Wie kommt es nun, dass so viele Menschen zugleich dieselbe Angst teilen und sich diese eingestehen und offen zugeben? Das massive zeitgleiche Aufkommen und die kollektive Kommunikation dieser Angst zeigt, dass ihre Grundlage nicht in den einzelnen Personen zu suchen bzw. zu finden ist, sondern viel eher in etwas Anderem, in dem diese Personen sich gemeinsam bewegen: In der Gesellschaft und der Art und Weise, wie diese aktuell eingerichtet ist und sich dabei eben auch auf die Beteiligten auswirkt. Es geht um die aktuelle Weise wie Menschen zusammenleben und ihre Art mit Arbeit Dinge ihres täglichen (Über-)Lebens zu produzieren. So können wir erkennen, dass diese Angst eben nicht im Scheitern der Einzelnen begründet liegt, sondern individueller Ausdruck gesellschaftlicher Probleme ist. Ausdruck einer Problematik, die in der Gesellschaft und ihrer Produktionsweise liegt. [mehr dazu im Beitrag „Arbeit. Klima. Konkurrenz“]

Wenn wir diese Erkenntnis im Kopf behalten, können wir noch einmal auf die Unsicherheiten und Ängste in der Schule zurückkommen: Es ist die Angst vor der Zukunft und vor dem, was dort kommt und einen erwartet. Es ist die Unsicherheit, wie gut oder schlecht diese Zukunft für einen selbst aussehen kann. Es ist die Ahnung davon, dass diese Zukunft nicht gut werden muss, dass die aktuelle Einrichtung der Welt nur für Wenige eine gute Zukunft bereit hält. Diese Angst ist als ‚Zukunftsangst‘ zu benennen. 

‚Zukunftsängste‘ gibt es in verschiedenen Formen: Zum Beispiel die Angst, seine Arbeit an einen Roboter zu verlieren. Man hat Angst davor, weil man sich aktuell nur mit einer gut bezahlten Arbeit gute Lebensumstände leisten kann und nicht voller Sorge dem Monatsende entgegenblicken muss. Auch das ist eine Art von ‚Zukunftsangst‘. [mehr dazu im Beitrag „Klassenfrage Klimawandel“]

Auch die Angst vor den Auswirkungen der Klimakrise ist eine Zukunftsangst, allerdings in einer besonderen Form: Es ist nicht (nur) die Angst vor der eigenen Zukunft, sondern es ist die Angst um Zukunft überhaupt. Es ist die Angst davor, dass es weder eine gute noch eine schlechte Zukunft für sich und Andere geben wird. Dies ist das Neue und das Besondere.

Die Angst um die eigene Zukunft, die hier am Beispiel der Schule aufgezeigt wurde, gehört für viele Menschen zum Alltag. Häufig wird behauptet, man müsse damit umgehen, sie sei immer schon da gewesen und es sei nun einmal so, dass diejenigen, die am besten damit umgehen können, am Ende auch am besten leben werden. 

Doch was ist das für eine Gesellschaft, in der die Angst um die eigene Zukunft zum Alltag gehört? Keine Gute! Keine, an der wir festhalten sollten. Sondern eine, die mit Blick auf einer guten Zukunft für Alle verändert werden muss.

Deshalb kann es bei der Bekämpfung des Klimas der Angst und der Krise des Klimas nicht nur um diese allein gehen. Es kann nur der Ausgangspunkt dafür sein, eine Zukunft zu entwerfen, in der Angst die Grundlage entzogen wird.

Die aktuellen politischen Aktivitäten zeigen dabei den Anfang eines Weges: Ängste werden offen ausgesprochen und Menschen finden sich kollektiv zusammen, um gegen diese Angst vorzugehen. Allerdings ist das nur ein erster Schritt. Die individuell erfahrene Angst kann nur bekämpft werden, wenn ihre Grundlagen gesucht, gefunden und verändert werden. Nur gibt es ein Problem bei dieser Suche: Die Grundlagen der Angst liegen nicht eindeutig und offen vor – im Gegenteil: Es wird angenommen, Angst sei ein individuelles Problem der Ängstlichen. Es sei ihre Schwäche und die Lösung läge allein bei ihnen. Aber: Angst ist kein individuelles Problem und ihre Lösung ist ebenfalls nicht auf einzelne Personen beschränkt. Die individuelle (Zukunfts-)Angst ist Ausdruck einer falschen Form von Gesellschaft. Die Untersuchung der Angstgrundlagen ist ein individueller und gemeinsamer Lern- und Erfahrungsprozess. Individuell ist er, weil man sich seine eigenen Emotionen, Sorgen und Ängste vor der Zukunft zulassen und eingestehen muss, um sie aussprechen zu können. Ein gemeinsamer Prozess ist es, weil man nur kollektiv dagegen vorgehen kann, indem man die Vereinzelung der Angst bekämpft. Dies gelingt, indem man sich mit anderen Menschen gemeinsam organisiert und dabei über Angst gesellschaftlich und politisch aufklärt, ihre Grundlagen entschlüsselt und letztlich mit der Veränderung ihrer Grundlagen die Angst bekämpfen kann. Wir können den Anfang eines solchen Lern- und Erfahrungsprozesses aktuell beobachten und ihn als Beispiel nutzen.

Dieser Prozess bietet sich zugleich an, Passivität in Aktivität zu überführen: In einem kollektiv-organisierten politischen Prozess muss dafür die Möglichkeit der Veränderung aufgezeigt werden: Es kann anders sein und wir können gemeinsam herausfinden, was sich wie verändern muss. Doch Kommunikation ist nicht ausreichend. Notwendig ist die tatsächliche Veränderung der gesamtgesellschaftlichen Grundlagen. 

Dies ist ein Prozess, der grundsätzlich alles in Frage stellen muss, um überhaupt erst die Grundlagen erkennen und bekämpfen zu können. Die Voraussetzung dafür ist nicht mehr zu akzeptieren, dass die Welt so ist, wie sie scheinbar natürlich sein soll und angeblich immer schon war. Nicht zu akzeptieren, dass es in Schule, Universität und Lohnarbeit nur darum geht, sich bestmöglich im Sinne Darwins „Survival of the Fittest“ anzupassen und im ewig drehenden Hamsterrad mitzulaufen, um seine eigenen Schäfchen ins Trockene zu kriegen. Es geht darum, aus dieser Nicht-Akzeptanz eine eigene neue Geschichte zu schreiben. Das Ziel ist klar: Eine Welt ohne Angst. 

Fridays for Future stellen fest: „Wir sind die erste Generation, die die Folgen der Klimakatastrophe erfahren muss“ – Das ist leider nicht ganz richtig. Die Auswirkungen werden andernorts bereits deutlich länger und deutlich schlimmer erfahren [mehr dazu im Beitrag: „Globale Ungleichheit“]. Diese Aussage zeigt allerdings, dass es an einem aktuell dringend mangelt: Es fehlen Solidarität und Empathie, die genauso global sind, wie es die Klimakrise und die Angst vor der Zukunft sind. Es ist die Vereinzelung der Menschen in der Konkurrenzgesellschaft, die an die Einzelnen die Anforderung stellt, für sich selbst verantwortlich zu sein und sich ständig um die eigene Zukunft zu sorgen. Das verhindert Solidarität, denn diese kann nicht entstehen, wo es nur um den eigenen Vorteil geht. Und zugleich ist Solidarität unumgänglich, um sich einer derart globalen und sozialen Krise entgegenzustellen, wie der Klimawandel eine ist. Denn hier wird zugleich die Krise der einzelnen Menschen deutlich: Krisenerfahrungen, wie sie z.B. die Klima- oder aber finanzielle Krisen darstellen, sind mit Überwältigung und Überforderung verbunden, die zu psychischen Reaktionen führen können, die die Situation falsch darstellen und Aktivität verhindern, indem sie Menschen lähmen. 

Es braucht Empathie von Alt und Jung und Solidarität mit den Generationen und Regionen dieser Welt, die schon längst und drastisch die Klimakatastrophe und katastrophale Zustände erfahren: Hunger, Dürre, Gewalt.

Lasst uns die Generation sein, die die Grundlagen von Naturzerstörung und Angst bekämpft und die kompromisslos für eine Zukunft für Alle und damit für eine Welt ohne Angst einsteht. 

„Eine Zukunft für Alle“ – das ist eine der zentralen Forderungen von »Fridays for Future«. Eine Zukunft für Alle gibt es nur in einer Welt, in der Niemand mehr Angst haben braucht: Keine Angst vor der Zukunft, keine Angst vor Hunger, keine Angst vor Krieg, keine Angst davor fliehen zu müssen und der Durchquerung von Sahara und Mittelmeer. Dies wäre eine Welt, in der der Angst ihrer Grundlage beraubt ist. 

Für eine Zukunft für Alle – Für eine Welt ohne Angst

Literaturtipp

Umrisse der Weltcommune