Kapitalismus & Naturzerstörung

…höher, schneller, weiter. Dieser Tage zeigt sich besonders eindrücklich, dass zwischen den immer offener zu Tage tretenden Folgen des menschengemachten Klimawandels und dem – vermeintlichen – Unwillen der Politik etwas an der Misere zu ändern, ein großer Widerspruch klafft. Wenn aktuell, wie im August 2019 der Amazonas-Regenwald – die sprichwörtliche Lunge dieses Planeten – lichterloh in Flammen steht und dies auf dem Treffen des Clubs der sieben größten Industrienationen eher Randnotiz als Hauptaufgabe ist, dann liegt auf der Hand, dass etwas nicht stimmt.

Zum einen reichen die konventionellen Methoden der Politik nicht aus, um die gegenwärtigen Ausmaße von Naturzerstörung nachhaltig zu bekämpfen. Darüber hinaus bleibt die Frage nach den systemischen Ursachen – und damit die Rolle der kapitalistischen Form des Wirtschaftssystems – bei Naturzerstörung weitestgehend unbeachtet.

Auch wenn es anstrengend ist, so meinen wir, der Zusammenhang zwischen kapitalistischer Wirtschaftsform und der ihr zugrunde liegenden Logiken, mit der Vernichtung der natürlichen Lebensgrundlagen, muss beleuchtet werden, um die ganze Tragweite des Problems zu erkennen: Eine kritische Analyse des kapitalistischen Naturverhältnisses muss auf den Tisch.

Widmen wir uns zunächst der Kritik einiger der konventionellen Methoden der Politik, Naturzerstörung einzudämmen. Da gibt es zum Beispiel technologische Ansätze, die den Glauben daran beschwören, dass die Konkurrenz der Unternehmen immer neue Innovationen hervorbringt, beispielsweise Maschinen, die effizienter arbeiten und mehr Energie einsparen. Eine Effizienzsteigerung bedeutet jedoch keineswegs (immer) umweltfreundlicher, sondern niedrigerer Material- und Energieeinsatz und das bedeutet für Unternehmen in der Regel nur, dass sie das Eingesparte wieder investieren müssen, um konkurrenzfähig zu bleiben. Ein Teufelskreis.

Dann gibt es Ideen das Bevölkerungswachstum zu begrenzen. Diese Diskussion bezieht sich größtenteils auf das Bevölkerungswachstum in der sogenannten „dritten Welt“, was nicht nur einen deutlichen rassistischen Unterton hat, sondern auch noch grober Quatsch ist. Schließlich ist nicht die Anzahl der Menschen das Problem, sondern – wenn man schon auf dieser Ebene argumentieren will – der Ressourcenverbrauch pro Kopf, der in den OECD-Ländern [1] ca. 10-40 mal höher ist, als anderswo. Das Problem ist vielmehr, wie produziert wird.

Dauerbrenner in den kapitalistischen Zentren wiederum, sind die moralischen Appelle zur Sparsamkeit und Genügsamkeit. Diese übersehen jedoch zum Einen, dass die Entscheidung für oder gegen regionale/bio/faire Produkte, oftmals nicht nur eine Frage des Gewissens sondern viel mehr des Geldbeutels der Endkonsument*innen ist. Dass es sich viele Menschen schlicht nicht leisten können „bewusst“ und „nachhaltig“ zu konsumieren. Zum anderen wird nicht gesehen, dass der Bio-Hofladen und der Riesensupermarkt sich nicht durch das Prinzip der Produktion, sondern viel mehr durch ihre Zielgruppe und die Größenordnung unterscheiden.

Beide produzieren jedoch im Kapitalismus und müssen mit anderen Unternehmen konkurrieren, worunter dann sowohl tendenziell die Qualität der Produkte leidet und/oder sie unter miesen Arbeitsbedingungen bzw. auf umweltschädliche Art und Weise produziert werden (müssen). Sie teilen sich aber noch eine sehr wichtige Eigenschaft: Es wird nicht für Bedürfnisbefriedigung produziert, sondern für den Profit. Ein Blick auf die inneren Logiken des Kapitalismus erscheint also lohnenswert.
Im Kapitalismus werden stets Waren produziert. Weil sie Waren sind, werden sie aber nicht nur hergestellt, um nützliche Dinge für die Menschen zu sein, sondern immer auch zum Verkauf. Und sie müssen immer erst verkauft werden, bevor sie nützliche Dinge sein können. (Der Gebrauchswert hat sich immer dem Wert unterzuordnen). Was sich in der Theorie erstmal recht trocken anhört, nimmt in der Realität – und insbesondere bezogen auf die Umwelt – absurde Formen an: Wenn ein Produkt hergestellt wird, dann weiß die Unternehmerin oft gar nicht, ob es sich letztendlich wirklich verkauft. Das Resultat sind kilometergroße Mülldeponien von E-Bikes, die eigentlich fahrtüchtig wären, aber dort jetzt liegen, weil die betreffende Firma pleite gegangen ist oder Berge von Brot, die entsorgt und gegen Menschen verteidigt werden, die diese aus den Containern holen wollen, um sie ihrem eigentlichen nützlichen Zweck – dem Stillen von Hunger – zukommen zu lassen. Währenddessen anderswo Menschen hungrig vor Schaufenstern stehen aber kein Geld haben, um ihre Bedürfnisse zu befriedigen.

Und dabei ist der Wachstumszwang des Kapitalismus, dessen Alternativlosigkeit uns täglich gepredigt wird, noch gar nicht mit einbegriffen. Das ist ökonomisch-ökologischer Wahnsinn! Die inneren Logiken des Kapitalismus lassen einen wirklich effektiven und nachhaltigen Umweltschutz nicht zu und deswegen werden die konventionellen Methoden der Politik stets nur Symptome bekämpfen, aber nie an die Ursache gehen. Es liegt an uns eine kritische Analyse des kapitalistischen Naturverhältnisses zu betreiben und fortschrittliche Alternativen aufzuzeigen, wenn wir der ökologischen Katastrophe noch entgehen wollen.

[1] OECD-Länder: „Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit & Entwicklung (engl.: Organisation for Economic Co-operation and Development); 20 Gründungs- und 16 weitere Mitgliedsstaaten; Forum für regierungen Erfahrungen auszutauschen und gemeinsam auf Probleme zu reagieren, durch den Erlass von Ordnungen, Standards etc.; Ziel dabei sei eine optimale Wirtschaftsentwicklung

Literaturtipp

Karathanassis, Athanasios (2015): Kapitalistische Naturverhältnisse. Ursachen von Naturzerstörungen – Begründungen einer Postwachstumsökonomie. VSA-Verlag: Hamburg. ISBN
978-3-89965-623-7.