Arbeit. Klima. Konkurrenz.

Mit Beginn der ersten Industriellen Revolution ab etwa 1780, ändern sich in Europa die Verhältnisse grundlegend. Gravierende Umwälzungen finden in allen gesellschaftlichen Bereichen statt. Die Wissenschaft ist sich heute darüber einig, dass diese Veränderungen auch den Beginn des menschengemachten Klimawandels markieren. 

Mit der Erfindung der Dampfmaschine wird die Produktion von Waren und Gütern im späten 18. Jahrhundert revolutioniert. Mechanische Webstühle und andere teilautomatisierte Verfahren, zum Beispiel zur Verarbeitung von Metall, sind der Anfang der industriellen Produktion von standardisierten Massengütern. Überall entstehen Fabriken, die allesamt auf zweierlei angewiesen sind: Kohle, zum Betrieb der Dampfmaschinen und Arbeitende, die die neuen Maschinen befeuern und bedienen. Damit beginnt der organsierte, massenhafte Raubbau an natürlichen Ressourcen und die Menschen werden auf ihre bloße Arbeitskraft reduziert. Später kommen weitere fossile Brennstoffe als Energieträger dazu. Je weiter die industrielle Massenproduktion vorangetrieben wird, desto größer wird der Ressourcenverbrauch.

Der technologische Fortschritt ab dem 18. Jahrhundert geht in Europa mit weitreichenden politischen und sozialen Veränderungen einher: die Menschen werden von der Leibeigenschaft befreit. Getragen von den Herausforderungen der wirtschaftlich-technologischen Entwicklung und sozialen Bewegungen, die dafür kämpfen. Sie sind fortan ‚frei‘ und zumindest erwachsene Männer untereinander rechtlich weitgehend gleichgestellt. Gleichzeitig verlieren sie aber auch durch umfassende Bodenreformen jene Flächen, die sie zuvor gemeinschaftlich bewirtschaftet hatten, um ihre Existenz zu sichern. Gemeineigentum wird flächendeckend privatisiert. Damit sind die Menschen nun einerseits nicht mehr an ihre unmittelbare Umgebung gebunden und keiner direkten Herrschaft durch Adel und Klerus mehr unterworfen. Andererseits unterliegen aber all jene, die ohne Besitz an Produktionsmitteln [1] sind, dem Zwang ihre Arbeitskraft zu verkaufen, um ihre Existenz zu sichern. 

Die absolute Mehrheit der Menschen hat bis heute außer ihrer Arbeitskraft nichts, was sich in Wert setzen ließe, um an ein Dach über dem Kopf und Essen auf dem Tisch zu kommen. Das ist auch im 21. Jahrhundert noch einer der Grundpfeiler unserer Wirtschaftsweise: im Kapitalismus gilt das Prinzip „Existenz durch Arbeit“ [2]. Alle stehen in ständiger Konkurrenz um die zur Verfügung stehenden Arbeitsplätze. Ein Kampf, der schon in der Schule mit knallharten Bandagen geführt wird und der sich im Laufe des Lebens bei voranschreitender Automatisierung in der Wirtschaft immer weiter zuspitzt. 

Aber nicht nur die Besitzlosen konkurrieren untereinander um Arbeit. Auch Unternehmen müssen darum kämpfen, am Markt erfolgreich zu sein, um ihren Fortbestand zu sichern. Sie sind darauf angewiesen, möglichst günstig zu produzieren, damit die Preise ihrer Waren auf dem Markt konkurrenzfähig bleiben. Um die Stückkosten klein zu halten, müssen Waren in Massen produziert und die Effizienz wenn möglich ständig gesteigert werden. Die Automatisierung ist bspw. eine direkte Folge des Zwangs zur Effizienzsteigerung. Zudem brauchen Unternehmen ständigen Nachschub an Energie und Ressourcen, damit die Produktion bestenfalls nie stillsteht. Denn Stillstand bedeutet Verlust. 

Nationalstaaten, wie wir sie heute kennen, entstehen etwa zeitgleich mit der Industrialisierung und der Massenproduktion nach kapitalistischen Prinzipien. Ihre übergeordnete Funktion ist die möglichst reibungslose Organisation und Verwaltung des Gemeinwesens – also des Zusammenlebens von Menschen innerhalb ihrer Grenzen. Zur Erfüllung dieser Funktion gehört im global durchgesetzten Kapitalismus auch, für Unternehmen möglichst günstige Produktionsbedingungen herzustellen und die beständige Versorgung mit Rohstoffen und Energie zu gewährleisten. Dabei spielt es keine Rolle, ob Staaten autoritär oder demokratisch regiert werden – Hauptsache, der Motor läuft. Auch Staaten stehen untereinander in Konkurrenz um für ihren Standort diese Voraussetzungen schaffen zu können.

Damit befindet sich die internationale Politik in einem echten Dilemma: Einerseits hat die Naturzerstörung durch anhaltenden Ressourcenverbrauch inzwischen Ausmaße angenommen, die den Zusammenbruch der globalen Ökosysteme – und damit der Lebensgrundlage aller – immer wahrscheinlicher werden lassen. Andererseits kann sie zu den gegebenen Bedingungen die globale Maschinerie des Wachstums nicht einfach anhalten. Die Menschen sind aktuell darauf angewiesen, dass der Kreislauf weitergeht weil dieser Kreislauf aus Arbeit, Naturzerstörung, Produktion, Arbeit usw. ihre materielle Existenzgrundlage bildet. Darum steigen die USA aus dem Klimaabkommen aus, holzt das Bolsonaro-Regime in Brasilien den Regenwald ab und hält man in Deutschland bspw. noch immer an der Kohle fest

Im tatsächlich existierenden Widerspruch Arbeitsplätze vs. Klimaschutz, drückt sich ein grundlegendes Dilemma kapitalistischer Wirtschaftsweise aus: die Mitglieder der Gewerkschaften, die beispielsweise den Protest gegen den Abbau von Arbeitsplätzen im Tagebau organisieren, können zwar alle für sich davon überzeugt sein, dass Umweltschutz wichtig ist. Sie sind jedoch von den Arbeitsplätzen abhängig, um ihren Lebensunterhalt bestreiten zu können. Die Menschen wissen, dass der Verlust des Arbeitsplatzes auch den Verlust des sozialen Status bedeutet, weil ihr individueller Wert von ihrer Verwertbarkeit auf dem Arbeitsmarkt abhängt. Dies führt teilweise dazu, dass Menschen selbst dann gegen Klimaschutz agieren (müssen), wenn sie von dessen Notwendigkeit überzeugt sind. 

Dieser Konflikt zwischen Arbeit und Klimaschutz könnte nur dann gelöst werden, wenn die Befriedigung grundlegender Bedürfnisse gesellschaftlich organisiert und gesichert und nicht mehr vom individuellen Arbeitsplatz abhängen würde. Der Klimawandel ist kein rein ökologisches Problem. Er berührt auch die Frage danach, wie wir unser Zusammenleben organisieren (wollen) und den Menschen künftig ein Auskommen sichern.

Im Kampf um die Eindämmung der Klimakatastrophe, stellt sich die soziale Frage in der ersten Hälfte des 21. Jahrhunderts mit erneuter Dringlichkeit. Ein Ausweg aus dieser Situation scheint nur dann möglich, wenn wir die Spielregeln grundlegend ändern: Systemwechsel statt Klimakatastrophe. 

Ironischerweise sind mit der Ausweitung des Kapitalismus und der damit einhergehenden Verschlimmerung der Naturzerstörung auch die Möglichkeiten gewachsen, dem Ganzen Einhalt zu gebieten. Wir verfügen bereits heute über die technologischen Voraussetzungen, um in einer nicht-kapitalistischen Gesellschaft eine sozialverträgliche und ökologisch nachhaltige Produktion zu etablieren. Damit wären vielleicht noch die schlimmsten Auswüchse des Klimawandels zu verhindern, die ansonsten einen Großteil des Planeten absehbar unbewohnbar machen. 

Wir könnten Technologie dazu einsetzen, die Grundbedürfnisse der Menschen zu befriedigen. Die voranschreitende Automatisierung, die den Menschen heute noch zu Recht als existenzielle Bedrohung erscheint, könnte den befreienden Effekt haben, dass sehr viel weniger zu verrichtende Arbeit auf sehr viel mehr Menschen verteilt werden könnte. Wo Menschen nicht mehr in ständiger Konkurrenz leben, muss niemand mehr Angst und Hunger haben. 

[1]  z. B. Boden, Immobilien, Maschinen, Rohstoffe etc., letztlich alles was im Industriezeitalter zur Herstellung von Waren benötigt wird.

[2] Zwar ist es richtig, dass beispielsweise in Deutschland niemand verhungern muss, weil es einen Sozialstaat gibt, der die Menschen vor dem Schlimmsten bewahrt – aber das entspricht nicht der Lebensrealität der Mehrheit der Menschen auf diesem Planeten. Zugleich sichert der Sozialstaat den Menschen zwar ein Existenzminimum, sie müssen also nicht hungern und haben zumindest die Chance auf ein Dach über dem Kopf. Gleichzeitig aber können sich bspw. Menschen, die von Hartz IV oder anderen Wohlfahrtseinrichtungen leben müssen, die Teilhabe am kulturellen Leben und damit einem Großteil des sozialen Miteinanders schlicht nicht leisten. Das führt zu einer Verschärfung der Konkurrenz und berechtigten Armuts- und Verlustängsten auch derjenigen, die heute noch einen Job und ein verhältnismäßig gutes Auskommen haben.