Corona – eine Krise der Frauen

Dieser Beitrag ist zuerst in der Print-Ausgabe 292 der Zeitschrift »Archipel – Zeitung des europäischen BürgerInnenforums« im Mai 2020 erschienen. Online findet Ihr ihn außerdem bei forumcivique.org.

In fast allen sozialen Aspekten trifft das Virus die Frauen härter. Sie sind es, die den Laden auch jetzt im Wesentlichen am Laufen halten. Die Corona-Krise macht keinen Halt vor Klasse, Herkunft und Geschlecht – so heisst es. Das stimmt, aber nur teilweise. Denn die Auswirkungen auf bestimmte Gruppen unterscheiden sich erheblich. Und auch hier sind zumeist Frauen* [1] die ersten Leidtragenden.

Auch die aktuelle Corona-Pandemie bildet diesbezüglich keine Ausnahme. Frauen* sind gleich auf mehrere Weisen von der aktuellen gesellschaftlichen Ausnahmesituation betroffen. So arbeiten sie überdurchschnittlich häufig in denjenigen Berufen, die nun das Lebensnotwendige am Laufen halten: im Gesundheitssektor, in der Pflege, als Erzieherinnen, als Reinigungskräfte und an Supermarktkassen. Diese weiblich konnotierten Jobs sind dabei in der Regel schlecht bezahlt, bringen schlechte Arbeitsbedingungen mit sich und finden kaum gesellschaftliche Anerkennung. In diesen Bereichen setzt die neoliberale Sparpolitik alles daran, die Kosten möglichst gering zu halten. Es wird an Personal, ebenso wie an einem guten Lohn, gespart. Die Pflegenden sind schon im Normalfall am Rande ihrer Kräfte und arbeiten jetzt aus Solidarität mit den erkrankten Menschen immer weiter, über psychische und physische Grenzen hinaus. Aber auch in Zeiten davor waren Frauen schon strukturell benachteiligt.

Das Problem hierbei ist nicht, dass sie sich um andere Menschen kümmern. Das Problem ist viel mehr, dass Frauen* auf Grund der geschlechtlichen Sozialisation bestimmte Rollenerwartungen zu erfüllen haben, die entsprechend für die spezifischen Lebenslaufmuster prägend sind. Es wird beispielsweise seit Jahrhunderten angenommen, dass es in der Natur der Sache liegt, Frauen* müssten die sozialen und emotionalen Tätigkeiten, also die der gesellschaftlichen Reproduktion, übernehmen.

Im Gegensatz dazu stehen Männer, die vermehrt in handwerklichen, technischen oder Managementberufen arbeiten (also denen der gesellschaftlichen Produktion), mit einer besseren Entlohnung und erhöhten Aufstiegschancen.

Unsichtbare Mehrbelastung

Die Lohnarbeit im geschützten Home Office ist für viele Frauen* oft nicht möglich. An ihrem Arbeitsplatz setzen sich jetzt zusätzlich zu den prekären Arbeitsbedingungen einem stärkeren Risiko aus, an Covid-19 zu erkranken. Zwar gab es in den vergangenen Jahren einige zivilgesellschaftliche Proteste und Solidaritätsbekundungen wegen der extrem schwierigen Arbeitsverhältnisse im Gesundheitssektor – auch wurden im Kontext von Arbeitskämpfen immer wieder Forderungen laut, das Gesundheitssystem zu entprivatisieren, um die prekären Bedingungen dort abzuschaffen – doch hat sich faktisch kaum etwas geändert.

Im Gegenteil, Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) hat vor Kurzem erlaubt, die Arbeitszeit in den aktuell als ›systemrelevant‹ bezeichneten Berufen – also eben denjenigen, die zu über 70 Prozent von Frauen besetzt sind – auf bis zu 12-Stunden-Schichten zu erhöhen und gleichzeitig die vorgeschriebenen Ruhezeiten auf neun Stunden zu reduzieren. Kaum besser ist die Situation im Privatleben. So führt die Schliessung von Schulen oder Kindertagesstätten darüber hinaus zu einer starken Mehrbelastung im familiären Haushalt.

Die zwischen Frauen* und Männern ungleiche Verteilung der häuslichen Erziehungs- und Pflegearbeit führt dazu, dass auch hier Frauen* einen Grossteil der anfallenden Aufgaben erledigen müssen – dazu verbleibt diese Arbeit unentgeltlich. EineTendenz, die durch den Fakt, dass Frauen immer noch deutlich weniger verdienen als Männer weiter verschärft wird.

Nach wie vor sind es häufiger Männer, die in Vollzeit arbeiten und Frauen*, die entweder teilzeitbeschäftigt sind oder keiner Lohnarbeit nachgehen können, um die Versorgung der Kinder und/oder anderer Familienmitglieder zu übernehmen. Hinzu kommt, dass Alleinerziehende, von denen die Mehrheit ebenfalls Frauen* sind, nun noch stärker auf sich allein gestellt sind und neben der Existenzsicherung durch Lohnarbeit auch noch die Kinderbetreuung sicherstellen müssen. Diese Doppelbelastung ist für viele kaum tragbar.

Gewalt und Gefahren

Die zunehmende Zeit, die die Menschen daher gezwungen sind, in den eigenen vier Wänden zu verbringen, um das Virus so wenig wie möglich zu verbreiten, führt ersten Erhebungen aus Italien und China zu Folge zu einem deutlichen Anstieg von häuslicher Gewalt. Auch hier sind die Leidtragenden vor allem Frauen! Diese Situation wird durch die mangelhaften Kapazitäten von Frauenhäusern noch weiter verstärkt. So haben nur zwei deutsche Bundesländer, und diese auch nur knapp, die vom Europarat empfohlene Mindestanzahl von einem Frauenhausplatz pro 7.500 Einwohner*innen.

Auch für ungewollt schwangere Frauen ist die Situation verheerend. Der ohnehin schon komplizierte Zugang zu Schwangerschaftsabbrüchen wird nun zusätzlich erschwert. Durch die Einschränkungen verringern sich die Möglichkeiten der gesetzlich vorgeschriebenen Pflichtberatung, bürokratische Abläufe verlangsamen und die Bedingungen der gynäkologischen Untersuchungen erschweren sich. Dadurch können Fristen kaum eingehalten werden. Frauen*, die in Ländern leben, in denen Schwangerschaftsabbrüche verboten sind, können für einen Abbruch nicht mehr über die Grenzen reisen. Es wird befürchtet, dass sie vermehrt zu unsicheren Abtreibungsmethoden greifen werden.

Frauen* sind also in vielerlei Hinsicht stärker von der aktuellen gesellschaftlichen Ausnahmesituation betroffen. Sie müssen weiterhin zu schlechten Löhnen ihre Gesundheit aufs Spiel setzen, die unbezahlte Pflege- und Reproduktionsarbeit im Haushalt übernehmen und sind darüber hinaus stärker von häuslicher Gewalt betroffen. Hier gilt es, verschiedene feministische Kritiken zu verbinden und auf die patriarchalen Missstände hinzuweisen – und sie zu ändern.

  1. Wird hinter das Wort »Frau« bzw. »Frauen« ein Sternchen gesetzt, soll das ausdrücken, dass alle Personen angesprochen sind, die sich in irgendeiner Form als ›weiblich‹ identifizieren – also nicht nur sogenannte ›Cis-Frauen‹.
  2. direction f ist ein 2019 entstandener Zusammenschluss. Gemeinsam wollen sie neue Wege der politischen Praxis erkunden. Bisher wurden überwiegend Zusammenhänge von Kapitalismus und Naturzerstörung beleuchtet.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.